THEOLOGIE DES LEBENS

Eine neue Erzählung über das Leben, wie wir es erfahren


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Alles Lebendige ist Beziehung und sehnt sich nach Liebe

„Die Natur ist ihrem Wesen nach Religion“, schreibt der katholische Priester und sozialistische Politiker und Dichter Ernesto Cardenal in seinem „Buch der Liebe – Lateinamerikanische Psalmen“. „Der Sternenhimmel ist ein Gebet und jede Landschaft eine Anrufung. Die Grillen sprechen zu uns genauso von Gott wie die Sterne, und Grillen wie Sterne schreien uns in die Ohren, dass Er sie schuf. Das ganze Weltall wartet auf seine Wiedervereinigung mit Gott. aus dem es hervorging. Fern von Gott sind alle Dinge wie zerstreut und suchen deshalb die Vereinigung mit anderen Dingen. Das Gesetz der Liebe ist das einzige physische und biologische Gesetz des Universums und auch das einzige moralische Gesetz. („Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr eure Nächsten liebet, wie ich euch geliebet habe.“)“

Ernesto Cardenal weist damit auf die Grundstruktur wie die Hauptantriebskraft im Kosmos und allem Lebendigen hin: ein durch den Geist der Liebe durchwirktes Beziehungsnetz. Alles Leben ist Beziehung und sucht Beziehung. Nichts kann allein für sich existieren. Alles ist getragen vom Geist der Beziehung zwischen „Ich“ und „Du“. Diese Grundstruktur hat niemand so klar und ausdrucksstark beschrieben wie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber: “ „Es gibt kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich-Du und das Ich des Grundworts Ich-Es. “ Und: “ Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du.“ (In „Ich und Du“, 1923)

In der christlichen Bibel findet man verschiedene zentrale Aussagen, die dies schon vor 2000 Jahren unterstreichen: „Im Anfang war Geist… Alles ist durch Geist entstanden. … Und er kam in seine eigene Schöpfung.“ (Joh. 1) Und: „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh. 4,16). Im 1. Korintherbrief preist Paulus die Liebe als die entscheidende Ausichtung des Lebens: „…Hätte ich der Liebe nicht, so wäre mir nichts zunütze.“ Und: „Die Liebe hört niemals auf…“ (1. Kor. 13). Befreit man diese biblischen Aussagen von ihrem Anthropozentrismus und überträgt ihren Kern konsequent auf die kosmische Dimension des Lebens, dann führt dies zu einer Sichtweise und Spiritualität, die unser Leben inspiriert und bereichert. Diese Erzählung vom Leben, das Verbundenheit und Vereinigung auf allen Ebenen des Daseins sucht und sich danach sehnt, hat die bedrohte Welt nötiger denn je.


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Gott stirbt.

Gott löst für immer weniger Menschen noch ihre Probleme. Gott als personales Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten als allmächtiger Herrscher, der in das Weltgeschehen eingreifen oder es, je nach seinem Willen, lassen kann, ist im Zuge der fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Leben und über das Universum nicht mehr glaub-würdig. Er kann immer weniger als Erklärung herhalten für Dinge, auf die man keine Antwort hat. Der theistische Gott, der zugleich Über-Vater ist, hat nichts mehr zu tun. Er ist arbeitslos und stirbt. Die Menschen brauchen ihn nicht mehr. Ihr Bild von sich selbst, ihrer Mitwelt, dem Zusammenhang des Lebens auf der Erde und im gesamten Kosmos, usw. hat sich verändert. Ihre Probleme können anders erklärt werden als mit einem abseits des Lebens sitzenden göttlichen Wesen. Jedenfalls trifft das auf alle zu, die die gewachsenen Erkenntnisse der Wissenschaft ernst nehmen. Gott kann kein Lückenbüßer mehr sein.

Hinter ihm standen Jahrtausende lang auch alle natürlichen Kräfte wie Wind und Sturm, Erdbeben und Tsunamis. Er war dazu bestimmt, zu belohnen und zu bestrafen, zu schützen oder zu vernichten, Gebote zu geben und über deren Einhaltung zu wachen. All diese Vorstellungen sind schon längst nicht mehr glaub-würdig, außer für die, die fundamentalistischen Strömungen der Religionen angehören und dann konsequenterweise auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse ablehnen müss(t)en.

Dies stellt auch John Shelby Spong mutig in seinem Buch „Why Christianity must Change or Die…“ fest – noch während der Zeit seines Bischofsamtes in einer Episkopalkirche der USA . Er verweist darauf, dass bereits Sigmund Freud die eigentliche Ursache für den menschlichen Glauben an ein göttliches allmächtiges Wesen erkannte. In seinem Buch schreibt er:

„Die Geburt der theistischen Religion, so meinte Freud, erwuchs aus dem Trauma des menschlichen Selbstbewusstseins. Über Milliarden Jahre, so beobachtete Freud, hatten die Lebewesen, die diese Erde bewohnten, keine ausreichenden geistigen Fähigkeiten, um die Fragen nach der Bedeutung ihres Lebens zu stellen oder tatsächlich danach zu fragen, ob ihr Leben irgendeine letzte Bedeutung hätte. Sie lebten und starben einfach nach einem endlosen Muster, ohne zu wissen, ob dies  ihre Wirklichkeit oder ihre Bestimmung war.

Schließlich entwickelte sich ein Geschöpf mit einem Gehirn, das zur Selbstwahrnehmung, zum Selbstbewusstsein groß genug war, und das die Fähigkeit besaß, über sich selbst hinauszugehen. In diesem Augenblick brach der Schock der Sterblichkeit und der Bedeutungslosigkeit in die Geschichte ein, behauptete Freud.

Jetzt gab es ein Wesen, welches das Sterben vorweg begreifen, das Unglück verstehen und erkennen konnte, dass sein Schicksal nichts mehr als Zerfall ist. Dies war eine traumatische Erkenntnis, und mit dieser Erkenntnis wurde die bestimmbare menschliche Existenz geboren. Wenn ein Trauma intensiv genug ist und man nicht in irgendeiner Weise damit umgehen kann, reagieren die Menschen mit Hysterie. Freud behauptete, dass Religion der Mechanismus war, mit dem die Menschen auf das Trauma des Selbstbewusstseins reagierten. Sie sollte vor allem die Hysterie in Grenzen halten und diesen selbstbewussten Wesen ermöglichen, den Schock ihrer Existenz zu bewältigen.“ (S. 69-70)

Bischof John Shelby Spong lehnt daher auch in seinem Buch jede Form theistischer Religion ab und zieht die Schlussfolgerung, dass das Christentum selbst auch keine Überlebenschance hat, wenn es sich nicht endgültig und bewusst vom theistischen Gott verabschiedet.

Der Abschied vom theistischen Gott hat auch unmittelbare Konsequenzen für das Menschenbild. Gottes- und Menschenbild (Weltbild) sind immer miteinander verbunden. „Wir Menschen leben nicht in Sünde. Wir sind nicht in Sünde geboren. Wir haben es nicht nötig, dass der Makel der Erbsünde in der Taufe von uns abgewaschen wird. Wir sind keine gefallenen Geschöpfe, die ihr Heil verlieren, wenn sie nicht getauft werden.“ (S. 121)

Dennoch verabschiedet sich Spong nicht vom christlichen Glauben. Er will das Gottesbild radikal verändern. Er sieht in Gott den „Urgrund des Seins“, die „Tiefe“ und „Quelle des Lebens“. Christus sieht er als „Geist-Person“.  Spong will der Kirche helfen, das „Neue“, Notwendige aufzubauen. Er sieht seine Rolle darin, „Sauerteig“ zu sein, „welcher der Kirche helfen will, sich zu ihrer neuen, zukünftigen Gestalt zu entwickeln.“

Auch dieser Blog und die Seite über eine „Theologie des Lebens“ sieht die Notwendigkeit zum Abschied vom theistischen Gott. Er ist nicht mehr glaubwürdig und gehört in eine Welt, die hierarchisch, patriarchalisch und anthropozentrisch aufgebaut ist. Wir brauchen eine andere Sicht auf diese Welt. Sonst trägt der Glaube nichts dazu bei, die gewaltigen Probleme der Gegenwart und Zukunft anzupacken, die in der Gefährdung des Lebens auf dieser Erde bestehen. 

Eine ganz andere Erzählung, der Glaube an die Quelle und Beziehungskraft des Lebens, an die geschaffene und schaffende Lebendigkeit, in der alles miteinander verbunden ist, kann dagegen eine große spirituelle Kraft sein. Wenn es gelingt, diese zu nutzen, wird es leichter sein, noch etwas zur Erhaltung des Lebens beizutragen. Weder ein theistischer Glaube mitsamt apokalyptischer Vorstellungen vom Ende der Welt noch eine mechanistische, kalte Vorstellung vom Leben als sinnlosem Ablauf von Gesetzmäßigkeiten können dazu einen wirkungsvollen Beitrag leisten. Die Erzählung vom „heiligen Leben“ oder der „Mutter Erde“, von der Kraft der Liebe als verbindender Kraft ist dabei nichts Neues. Schon in alten Naturreligionen war sie lebendig. In der Mystik der Religionen steht sie im Zentrum. Sie wurde aber durch die patriarchalen Religionen überlagert und muss heute neu entdeckt und in unsere Zeit mit ihren aktuellen Erkenntnissen über das Leben transformiert werden.


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Das Böse gibt es nicht! Es existiert nur in unseren Ängsten!

Die Kriminalpsychologin und Bestsellerautorin Dr. Julia Shaw hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben: „BÖSE – Die Psychologie unserer Abgründe“. Shaw sucht und findet das „Böse“ nicht nur in den Gehirnen von Massenmördern, sondern in jeder und jedem von uns. Und sie erläutert mithilfe von psychologischen Fallstudien und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie wir uns mit unserer dunklen Seite versöhnen können. Das außergewöhnliche Buch räumt mit den uns vertrauten Kategorien von „Gut“ und „Böse“ auf und wirft sie über den Haufen. Sie schreibt u.a.: „Wir erschaffen das Böse, wenn wir etwas als solches etikettieren. Das Böse existiert als Wort, als subjektives Konzept. Doch ich bin fest überzeugt, dass es keinen Menschen, keine Gruppe, kein Verhalten, keine Sache gibt, die objektiv böse ist. Vielleicht existiert das Böse wirklich nur in unseren Ängsten.“

Natürlich hat es seine Gründe, warum Menschen in Kategorien von „gut“ und „böse“ denken (können), warum sie nach ihren Maßstäben die Welt entsprechend einteilen und beurteilen. Es schafft Sicherheit, wenn man weiß, auf welcher Seite man steht. Es schafft auch die Möglichkeit, Macht und Herrschaft zu begründen, Gewalt und Krieg. Es hat vermutlich tief und weit zurückliegende Gründe in der Evolutionsgeschichte des Menschen und der Entwicklung seines Gehirns, dass er in dieser Weise stets urteilt und sein Handeln danach ausrichtet. Doch nirgendwo anders im natürlichen Leben außer im Gehirn des Menschen ist es möglich, die Welt in dieser Weise einzuteilen. Es gibt empfundene subjektive Ungerechtigkeit und so auch das subjektiv erlebte „Böse“ bei den Opfern drohender und faktischer Gewalt. Die Angst davor führt zur Flucht oder zur Gegenwehr. Das ist ihre Funktion. Objektiv existiert das Böse dadurch aber nicht.

Die patriarchalen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben das „Gute“ und „Böse“ noch überhöht, die Einteilung der Welt in „Gott“ und „Satan“ und den Kampf dieser Mächte zu etwas „Heiligem“ gemacht. Wie sehr sie damit Krieg, Gewalt und Elend noch „befeuert“ haben, braucht wohl nicht erläutert zu werden. Die Religionen stehen angesichts ihrer eigenene Gewalt- und Schuldgeschichte und angesichts modernster Erkenntnisse der Neurologie, der Psychologie, Anthropologie und der Evolutionsgeschichte des Menschen vor der großen Aufgabe, sich endgültig von den Kategorien „gut“ und „böse“ zu verabschieden. Es gibt nur eine Wirklichkeit, nur eine „Göttlichkeit“. Sie nimmt Leid und Ungerechtigkeit in Kauf und dennoch beinhaltet sie zugleich die Verpflichtung, diese zu verändern, aus ihnen die Kraft zu ziehen, das Beziehungsnetz des Lebens zu stärken, wo und wann immer es möglich ist. Die Religionen sollten sich endgültig von einem angeblichen „Satan“ und der „Hölle“ verabschieden, die immer nur den Ängsten und Gehirnen der Menschen entsprang, aber nie dem wirklichen Leben. Es wird Zeit für eine Theologie und Lebenserzählung jenseits von „Gut“ und „Böse“, Zeit, eine neue Geschichte über das Leben zu schreiben.


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„Sie müssen sich das Leben auf der Erde wie ein Netz vorstellen“ (Dirk Steffens)

In einem aktuellen Interview über „das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier auf der Erde“ (vor 65 Millionen Jahren) gebraucht der bekannte Journalist Dirk Steffens ein prägnantes Bild, um deutlich zu machen, wie dramatisch sich die Ausrottung der Arten durch den Menschen auf ihn selbst auswirkt.

„Sie müssen sich das Leben auf der Erde wie ein Netz vorstellen, das uns alle trägt. Jede Art hat eine Funktion, so wie ein einzelner Faden. Wenn zu viele Fäden reißen, bricht alles zusammen. Die Menschheit ist gerade dabei, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten.“

Das Bild vom Leben als Netz, in dem alles miteinander verbunden ist, ist noch recht neu. Im orthodoxen Darwinismus, der die dogmatisch-reduktionistische Wissenschaft geprägt hat, herrscht vor allem das Bild des Überlebenskampfes der Arten und der Gene vor, so z.B. beim britischen Porpulär-Biologen Richard Dawkins („Das egoistische Gen“, 1976). Alles ist geprägt von der Konkurrenz und dem Ziel der Selektion durch immer perfektere „Überlebensmaschinen“.

Die patriarchalen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben jahrtausendelang einen Theismus proklamiert (und tun es in ihren Hauptströmungen bis heute), der vor allem das Trennende und Hierarchische des Lebens hervorhebt. Es existiere, so ihre Behauptung, ein göttliches Herrschafts- oder übermenschliches Elternwesen mit menschenähnlichen Eigenschaften, das das Verhalten des Menschen beurteile, dem wiederum alles andere Leben untergeordnet sei. Dieses Gottwesen erhalte seine Schöpfung, greife in sie nach Bedarf ein und lenke sie. Das rein hierarchische Verhältnis wird entsprechend übertragen auf das zwischen Mensch und Natur. Der Mensch stehe der „Natur“ gegenüber und hat im besten Fall „Verantwortung“ für sie (sie zu erhalten und in sie einzugreifen), gehöre ihr aber nicht zu.

Es wird Zeit für einen radikalen Perspektivwechsel, von der „Krone der Schöpfung“ zum „vernetzten“ Organismus des Lebens. Das Leben braucht den „Kampf“ der Individuen und einzelner Arten untereinander, um sich weiter zu entwickeln, aber die Kooperation steht nicht im Dienste dieses „Egoismus“, sondern umgekehrt. Das Beziehungsnetz ist die Grundlage für die Evolution jedes seiner Mitglieder. Kein Mitglied des Netzes kann allein existieren. Jedes ist ein Mangelwesen, das angewiesen ist, auf das Potential anderer. Auf einzelne Individuen wird dabei nicht immer Rücksicht genommen. Doch wenn Fressen und Gefressenwerden nicht mehr im Dienst der Lebensgemeinschaft stehen und zuviele Fäden des Netzes von Einzelnen gerissen werden, geraten diese ins Abseits.

Letztendlich wird dies gerade am Menschen deutlich: sollte er auf seinem „Egoismus“ bestehen und seine Herrschaft mittels der von ihm geschaffenen Maschinen weiter auf Kosten anderer Lebensarten perfektionieren, gerät er in eine Sackgasse der Evolution und stirbt aus. Eine solche Lebensart ist im Beziehungsnetz des Lebens auf Dauer nicht überlebensfähig.


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Der neue Bericht des Club of Rome schlägt Erzählung vom „Heiligen Leben und der Lebendigen Erde“ vor

46 Jahre nach den „Grenzen des Wachstums“ gibt es einen neuen Bericht vom CLUB OF ROME. Und der ist richtig stark! Spannend und neu ist vor allem, dass die Autoren nun eine Neue Aufklärung fordern, eine neue Erzählung im Anthropozän. Dabei setzen sie auch auf einen Wandel der Religionen und eine neue Rolle, die diese mit ihrer spirituellen und moralischen Kraft spielen sollten. Bezug nehmen die Ko-Präsidenten des CLUB OF ROME, Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman, dabei auf David Kortens Bericht „Change the Story, Change the Future“, der die jahrtausende alte Erzählung der monotheistischen Religionen von Gott als „fernen Patriarchen“ scharf kritisiert. Dieser habe immer über die Menschen und „seine“ Schöpfung, die Natur geherrscht.

„Um die Lernunfähigkeit des Dogmas vom fernen Patriarchen und den zerstörerischen Wahn vom heiligen Geld zu vermeiden, schlägt Korten eine neue Erzählung und Kosmologie vor, die er die Erzählung vom Heiligen Leben und der lebendigen Erde nennt.“ Er „bezieht sich auf die Cochabamba-Erklärung von 2010 über die Rechte der Mutter Erde und die weltweit aufkommenden Bewegungen zu einer Lebenden Wirtschaft als Beispiele dafür, wie die Erde und alles Leben auf ihr durch eine neue Erzählung bewahrt werden können.“ (Club of Rome: Der große Bericht „Wir sind dran“, S. 132)

Einen positiven Ansatz sieht der CLUB OF ROME- Bericht von 2017 auch in der Enzyklika „Laudato Si“ des aktuellen Papstes Franziskus. In dieser wird die Erde als „Gemeinsames Haus“ verstanden und die Schöpfung mit der „Geschwisterlichkeit“ allen Lebens als „§Geschenk“ begriffen.

Im Anthropozän sind die Religionen ebenso wie die Philosophen aller Kulturen ebenso wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik herausgefordert, eine neue Haltung des Menschen zur Mit-Natur und damit eine neue Erzählung von seiner Rolle und seiner Aufgabe für Gegenwart und Zukunft zu verfassen. Nur, wenn diese sich durchsetzt, können dem Menschen wohl auch die ungeheuren Anstrengungen und zugleich die Explosion an Kreativität gelingen, die notwendig sind, sein Bestehen im angebrochenen 3. Jahrtausend n. Chr. auf diesem Planeten zu sichern.


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Auftrag, die Erde „zu bebauen und zu bewahren“ (Gen.1, 28), ist fatale Fehleinschätzung

In der alten biblischen Schöpfungsgeschichte der jüdischen und christlichen Bibel wie auch der Variante im Koran ist der Mensch beauftragt, die Erde und alle nichtmenschlichen Lebensarten auf ihr zu beherrschen. Dies ist im Sinne eines „Verwaltens“ an Stelle Gottes auf Erden gemeint. In einer Studie der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) von 2015 heißt es dazu:

„Dieser »Herrschaftsauftrag« ist im Lichte von Gen 2,15 zu interpretieren: »Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.« »Das Herrschen, das nach biblischer Aussage dem Menschen neben dem Bebauen und Bewahren eingeräumt und angewiesen ist, ist zu verstehen als das Handeln, durch das der Mensch den Lebensraum für sich und die übrigen Geschöpfe bewahrt«, schreibt der Theologe Wilfried Härle. Die Welt ist uns in diesem Sinne anvertraut, um sie zu hegen und zu pflegen und ihre Potenziale zu entwickeln. Gefordert wird ein gärtnerischer Umgang mit der Natur. Mit der Sonderstellung des Menschen als Ebenbild Gottes, wie sie in der Schöpfungsgeschichte dargelegt ist, kommt dem Menschen die von Gott übertragene Verantwortung zu, die Schöpfung zu bewahren und sie treuhänderisch zu verwalten.“

Ein ganz ähnliches Verständnis von der Sonderstellung des Menschen ist im Koran zu finden. Der Mensch wird hier als Statthalter Gottes auf Erden gesehen (Sure 2:30).

Diese Sicht der biblischen und koranischen Schriftschreiber kann mit den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Evolution des Lebens als auch denen der Anthropologie nicht mehr geteilt werden. Aus heutiger Sicht ist eine angebliche Beauftragung der Lebensart Mensch, alles Leben auf der Erde zu verwalten, eine fatale Fehleinschätzung. Die Verantwortungsübernahme für alle ökologischen Netzwerke des Planten stellt eine vollkommene Überforderung dieser Lebensart dar. Soviel der Mensch mittels seines Gehirnes an ungeheurem Wissen bisher auch sammeln konnte, er kennt noch nicht einmal annähernd alle anderen Lebensarten der Erde. Der Mensch war, ist und wird nie in der Lage sein, diesen angeblichen Auftrag zu erfüllen. Dies ist die Erkenntnis unserer Zeit. Daher sollten Theologinnen und Theologen auch nicht länger behaupten, dass es einen göttlichen Auftrag der Verwaltung jemals gegeben hätte.

Die, die den Auftrag, das Leben zu bewahren, seit Jahrmillionen Jahren auf dieser Erde erfüllen (längst bevor der Mensch entstand), sind die Pflanzen. Sie liefern Energie und Nahrung für Tiere und Menschen(tiere), sie liefern die Luft (den Sauerstoff) zum Atmen. Sie tragen in Kooperation mit Pilzen, Insekten, Vögeln und anderen Tieren zur Erhaltung des ökologischen Netzwerkes und des Organismus der Erde bei, in dem alle Lebewesen eingebunden sind. Sie stärken tagtäglich das Immunsystem alles Lebendigen auf der Erde. Der Mensch wäre damit restlos überfordert. Nur die Bäume und anderen Pflanzen, Pilze sowie Kleinstlebewesen und Insekten unter und auf der Erde können das Leben auf diesem Planeten retten, nicht der Mensch.

Des Menschen vornehmliche Aufgabe ist es, seine alles und sich selbst zerstörende ungeheure Gewalt zurückzunehmen, damit sich die nichtmenschliche Natur mit ihren heilenden Kräften wieder entwickeln kann. Mehr kann er nicht. Das sollte er aber und muss es auch, wenn er zur Rettung seiner selbst beitragen will.


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Der Biologe Edward O. Wilson fordert ein tieferes Verständnis von uns selbst und dem Leben

In seinem radikalen Vermächtnis „Die Hälfte der Erde“ erläutert der berühmteste Biologe unserer Zeit, Edward O. Wilson, warum wir die Hälfte der Erde zum Naturschutzgebiet erklären müssen, um das Gleichgewicht des Lebens herzustellen, das wir für unser eigenes Überleben und dem Erhalt der Vielfalt des Lebens benötigen. Aber nicht nur das! Wilson fordert auch ein sehr viel tieferes Verständnis von uns selbst und dem übrigen Leben ein, „als Geistes- und Naturwissenschaften es uns bisher bieten.“ Und weiter: „Wir täten gut daran, uns so bald wie möglich aus dem Sumpf dogmatischer Religiösität und unangemessener philosophischer Ansichten zu befreien, in dem wir immer noch herumirren. Wenn die Menschheit sich nicht sehr viel mehr Wissen über die globale Biodiversität aneigent und sich nicht schnell dazu entschließt, sie zu schützen, dann werden wir schon bald die meisten Arten, aus denen sich das Leben auf der Erde zusammensetzt, unwiederbringlich verlieren.“  Eine notwendige Konsequenz der Wilsonschen Forderungen wäre, dass sich Biologen und andere Naturwissenschaftler, Philosophen und Theologen aller bedeutenden Religionen an einen Tisch setzen, um gemeinsam Schnitt- und Kernpunkte eines neuen „tieferen Verständnisses“ von Leben zu formulieren. In allen geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern von Schulen und Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt müsste über eine neue Sicht auf das Leben angestoßen und gelehrt werden.  Sie müsste genauso Gegenstand von Forschung sein wie in den religiösen Organisationen im Zentrum von Gottesdienst, Diskussionskreisen und Lehrbüchern stehen.