THEOLOGIE DES LEBENS

Eine neue Erzählung über das Leben, wie wir es erfahren


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Commons als jüdisch- (ur)christliche Lebensform

„Commons sind lebendige soziale Strukturen, in denen Menschen ihre gemeinsamen Probleme in selbstorganisierter Art und Weise angehen.“ (Silke Helfrich und David Bollier in „Frei, fair, lebendig – Die Macht der Commons)

Commons und Commoning als Lebensform sind ganzheitlich zu verstehen. Sie erfüllen Bedürfnisse im fairen Umgang miteinander, sie fördern Verbundenheit und Empathie, sie stärken ein Bild des Menschen als ein Individuum, das sich nur im Miteinander verstehen, verwirklichen und bereichern kann. Commons haben daher eine soziale und eine kulturelle, aber auch eine spirituelle Dimension.

Commons als Lebensform ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Im größten und längsten Teil der Geschichte waren Menschen in kleinen überschaubaren Gruppen unterwegs, in denen Kooperationen und intensive Formen sozialen Miteinanders selbstverständlich, ja überlebenswichtig waren. Durch viele Jahrtausende währende Lebenspraxis und soziale Erfahrungen wurden Empathie und Vertrauen als wichtigste Basis menschlicher Zusammenarbeit geprägt. Hier gab es weder Privateigentum noch klare Hierarchien. Ohne diesen Teil der Geschichte zu romantisieren, können wir behaupten, dass Neid und Egoismus den Menschen während dieser Zeit wohl vollkommen fremd waren. Sie ergaben schlichtweg keinen Sinn, wären schädlich und gemeingefährlich gewesen. Erst die Sesshaftwerdung und die Besitznahme von Land als „Eigentum“ verändert diese Lebensweise grundlegend.

Als die ersten biblischen Schriften geschrieben werden, hat sich die Landwirtschaft längst etabliert. Und mit ihr, über die Jahrtausende hinweg, eine hierarchische, monarchische Gesellschaft. Zu Jesu Zeiten gibt es in Israel große soziale Verwerfungen. Machtkonzentrationen und Großgrundbesitz auf der einen und Tagelohn sowie bittere Armut und Rechtlosigkeit auf der anderen Seite erschüttern die sozialen Verhältnisse. Jesus trifft im Lebensalter von ca. 30 Jahren die Entscheidung als mittelloser geistlicher Lehrer auf Wanderschaft zu gehen und stößt eine Armenbewegung an. Im Mittelpunkt steht seine Predigt vom Kommen des „Reiches Gottes“ (oder, wie es im Matthäus-Evangelium genannt wird, „Reich der Himmel“). Es wirkt wie ein Gegenmodell zur erfahrenen Gesellschaft- und Wirtschaftspraxis.

Jesus stellt die Erfüllung der seelischen wie materiellen Grundbedürfnisse ins Zentrum. Er will den Zugang aller zu den wichtigsten Gütern des Lebens. Mit seiner Bewegung lebt er es vor. Er nimmt sich mit denen, die ihm folgen, selbst am Sabbat von den Kornfeldern zu Essen, lässt sich zu Feiern und Mahlzeiten in Häusern von Menschen einladen, die genug zum Teilen haben. Teilen und lebendiger Austausch werden bei ihm spirituelle Rituale und vorweggenommene Praxis des „Reiches Gottes“. Das Reich der Liebe Gottes wird zur neuen Erzählung vom Menschsein und alternativen gesellschaftlichen Leben.

Der Tisch, an dem gerechte Teilhabe aller geschieht, wird zum zentralen Symbol und täglicher Praxis. Hierarchien werden beseitigt („Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein.“, Matthäus 19, 30 u.a.). Der „Meister“ wäscht seinen „Jünger*innen“ die Füße (Johannes 13, 1-17). Im Reich Gottes zählen nicht die Werte einer aristokratisch-monarchischen Gesellschaft. Jesus ruft die Werte der Jäger*innen- und Sammler*innen- Zeit wach, die nach wie vor in den Menschen schlummern. Die Form eines besseren Miteinanders und des Vertrauens als entscheidende Basis, wie sie ehemals die Menschheit bestimmt hatte, ist im sozialen Gedächtnis und als Sehnsucht im Menschen tief verwurzelt.

Andererseits sind viele Bilder der Predigt Jesu und seiner Erzählungen und Gleichnisse von denen der damaligen Gesellschaft geprägt. Dazu gehören Androhungen von Strafen sowie Ausschlüsse derer, die nicht rechtzeitig „umkehren“ und den Anforderungen des kommenden Reiches gerecht werden. Sie prägen die Unerbittlichkeit seiner Botschaft. Auch wenn nicht immer hundertprozentig klar ist, welche Aussagen Jesus in späterer Zeit in den Mund gelegt werden, passen zeittypische apokalyptische Bilder durchaus zur Radikalität seiner Bewegung.

Entscheidend ist allerdings, wie sich die Kernstruktur der Lebensform, die Jesus anstößt nach seinem Tod in festen Hausgemeinschaften jüdisch-urchristlicher Gemeinden auswirkt. In Apostelgeschichte 2, 44-45 heißt es: „Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.“ Hier wird ganz selbstverständlich eine Form von Commoning gelebt – als Vorwegnahme des Reiches Gottes. Zu Lebzeiten Jesu hatte er seine Nachfolger*innen ermutigt: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“, Lukas 17, 21).

Einige Kirchenväter proklamieren auf dieser Grundlage später „Commons“ als vorbildliche Lebensweise. „Basilius von Caesarea, Johannes Chrysostomos oder Ambrosius von Mailand betonten, dass Reichtum im Gegensatz dazu steht, dass die Erdengüter allen Menschen in gleicher Weise gegeben sind. Basilius prägte das Bild von einem Sitzplatz im Theater. Dieser ist ein allgemeines Gut, auch wenn ihn jemand, der ihn gerade in Besitz genommen hat, als seinen eigenen bezeichnet,“ (Wikipedia)

Auch wenn sich das Bewusstsein der Zeit verändert hat und Commons in der aktuellen weltweiten Bewegung zurzeit neu diskutiert, definiert und gelebt werden. Die Welt der Commons hat es wohl zu allen Zeiten gegeben. Durch den radikalen Wanderprediger Jesus von Nazareth und die jüdisch-urchristlichen Gemeinden in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus haben Commons eine besondere spirituelle Dimension bekommen. Die Ursprünge dazu liegen allerdings tief in der Menschheitsgeschichte verborgen, als Rituale des Teilens und des freien Austausches bereits früh Teil der spirituellen Geschichte der Menschen wurden.

In der größten Krise der Menschheitsgeschichte im Anthropozän unserer Tage hängt das Überleben in neuer Weise davon ab, ob weltweit eine andere Haltung und Erzählung der Menschen und eine damit verbundene, bisher nie dagewesene weltweite Kooperation im Commoning gelingen kann. Nicht nur die jüdisch-christliche Religion könnte dazu einen elementar-wichtigen spirituellen Beitrag leisten.


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Wie verändert sich mit dem Bild einer Welt voller lebendiger Beziehungen das Gottesbild?

„Die Zeit ist reif“, schreiben Silke Helfrich und David Bollier in ihrem Buch „Frei, fair, lebendig – Die Macht der Commons“, „das allgemeine Glaubenssystem zu überdenken, das sich im säkularen Westen während der Renaissance entwickelt und im 18./19. Jahrhundert verfestigt hat.“ Diese „Onto- Geschichte“ (Ontologie = Lehre von unserem Sein und seinen Strukturen), „die wir ständig weitergeben“ betrachte uns als „Individuum beziehungsweise Vereinzelte. Als solche sind wir die primär Agierenden und bewegen uns in einem Außen: in einer Welt voller Dinge (einschließlich der Natur).“ (S. 37/38) Demgegenüber sei endlich eine neue Erzählung gefragt, die einer Welt voller lebendiger Beziehungen und sozialer Strukturen („Commons“).

Der Ökophilosoph Andreas Weber drückt es so aus: „Nicht einsame, autonome, souveräne Wesenheiten bevölkern diese Welt. Vielmehr besteht diese aus einem beständig oszillierenden Netz von dynamischen Interaktionen, in denen sich eins durch das andere verwandelt. Die Beziehung zählt, nicht die Substanz.“

In „Lebendigkeit: eine erotische Ökologie“, vollzieht Andreas Weber diese neue Sicht der Lebendigkeit als Selbst-durch-Viele nach. Dort schreibt er, beim Leben auf der Erde gehe es um „reziproke Spezifikation als ein gegenseitiges Hervorbringen. Erst in der Begegnung kommt der eigene Charakter zur Geltung. Die Welt ist nicht die Summe der Dinge, sondern die Symphonie der Beziehungen…“.

Silke Helfrich und David Bollier resümieren: „Das Individuum ist Teil eines Wir -genau genommen vieler Wirs„. Als Beispiel dafür, dass in anderen Kulturen ein solches Lebensverständnis schon lange vorliegt, wählt sie den aus einigen Bantu-Sprachen (Mittel- und Südafrika) geläufigen Seins-Begriff „Ubuntu“ und zitiert John Mbiti, einen christlichen Religionsphilosophen und Autor aus Kenia, der „Ubuntu“ folgendermaßen übersetzt: „Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, deshalb bin ich.“ (S. 45)

„In diesem Seinsverständnis“, folgern Helfrich und Bollier, „geht es im Kern darum, dass Beziehungen zwischen Einheiten grundlegender sind als die Einheiten selbst. … Dies bedeutet: die Quelle des Seins besteht aus allen lebendigen Einheiten heraus. Sein manifestiert sich in sehr verschiedener Art und Weise. (S. 46/47)

In der Krise, die der Mensch gerade durch die Betrachtung des Menschen als vereinzelten Egoisten erreicht hat, ist ein Wandel hin zu diesem, wie viele naturverbundene alte Völker und Kulturen zeigen, gar nicht ganz neuen Weltbild und Seinsverständnis , überlebensnotwendig. Dieses Bild geht davon aus, dass auch Menschen (wie die meisten Pflanzen und Tiere) miteinander kooperieren können und wollen, nicht „nur als Folge einer Bitte oder Aufforderung, sondern quasi selbstverständlich“ (Helfrich/ Bollier, S.17).

Wenn wir diese Erzählung von einem Leben voller lebendiger Beziehungen, Kooperationen und Interaktionen auch in religiöser Sprache ausdrücken wollen, dann müssen wir uns von einem Gott verabschieden, der als eigene Wesenheit die Quelle des Seins ist und in einem zentralistischen Akt „schöpft“ (siehe die Schöpfungsgeschichte, 1. Mose 1) sowie „Ordnung“ schafft oder anordnet (siehe u.a. die Erzählung der 10 Gebote, 2. Mose 20, 1 ff.). Wenn die Kraft der Lebendigkeit und damit die Quellen des Seins nur innerhalb sozialer, kooperativer und prozessualer Beziehungen entstehen, dann ist auch Schöpfung als dauernder Akt und ein Schöpfergott nur innerhalb dieser vielfältigen Beziehungen zu verorten und zu verstehen. Gott ist dann weniger ein klar umgrenztes transzendentes Gegenüber als vielmehr transzendierende Kraft, durch und in Beziehungen erfahrbar (offenbar). Der biblische Begriff von Gott als Liebe (1. Joh. 4, 16: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“) kommt diesem Bild vielleicht am nächsten.

Es ist wichtig, dass uns bewusst ist, wie wir in der christlichen Tradition vor allem durch ein monotheistisch-zentralistisches Gottesbild geprägt sind und dieses uns bestimmte Leitbilder vorgibt. Selbst Jesus durchbricht als Jude seiner Zeit in den „Reich Gottes“-Predigten nicht ganz die herrschenden Königs- und (männlichen) Herrschaftsbilder, wenn er auch den „liebenden Vater“ („Abba“ im „Vaterunser-Gebet) und damit eine „zärtliche Verbindung“ in den Vordergrund stellt. Um uns für das neue Seinsverständnis auch in unserer Spiritualität und Religiosität zu verändern, brauchen wir Gottesbilder, die die Sehnsucht nach „Freiheit in Bezogenheit“ (Helfrich/Bollier), Kooperation in gegenseitiger Fürsorge, eben nach „Commons“, einem neuen (alten) Miteinander zum Ausdruck bringen. Bilder, die Gott nicht getrennt, einzeln und fern von uns und allem anderen Leben sehen, sondern verbunden, vielfältig, nicht verortbar und näher als wir uns selbst sein können. Gott ist dann weder in einer Hierarchie noch in einer Dualität zu umschreiben, sondern ausschließlich im Sein alles Lebendigen und seiner unzähligen sich stets wandelnden Beziehungen.

Noch sind wir hier auf einem langen, alle Religionen herausfordernden Weg. Noch sind die neuen Bilder nicht greifbar. Doch, dass die alten nicht mehr tragen, ist in einer sich stark wandelnden Welt, die fast täglich neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben hervorbringt, all überall spürbar.

Natürlich könnte man sich die Frage stellen, ob es nicht reicht, nur von der „Macht der Commons“ (und nicht mehr von „Gott“) zu sprechen. Sicher ist das für einige auch ausreichend. „Commons“ sind in ihrer Reinform aber auch nicht „begreifbare“ „Vision“, etwas, das wir uns ersehnen, weil wir damit ein Ideal von Freiheit und Geborgenheit zugleich verbinden. Letztendlich ist diese Sehnsucht eine starke „Macht“, die in allem Lebendigen angelegt ist und das Leben vorantreibt und wandelt. Darin selbst, so könnten wir es sehen oder definieren, liegt eine spirituelle Sicht auf das Leben.

Wir können aber auch schlicht sagen: unsere Welt, wenn auch nicht jeder Einzelne in ihr, braucht das Religiöse und die in ihm liegende spirituelle Kraft. Wenn religiöse Rituale, Bilder und Erzählungen das Bewusstsein des Transzendenten der „Macht der Commons“ schulen, dann können die Religionen dem Wandel die ihnen eigene besondere emotionale und mentale Kraft schenken. Zugleich können sie die „Gebrochenheit“ des Lebens und die Begrenzungen des Individuums wie der Gemeinschaften als Organismen in diesem Prozess bewusst machen. Damit fördern sie in ihrer Haltung zum Leben Fehlerfreundlichkeit und Demut, aber auch Hoffnung und Zuversicht, die über die kurzzeitigen und begrenzten Existenzen von Individuen und Gemeinschaften hinausweisen.

Möglich ist dies aber nur mit dem Mut zur kritischen Aufarbeitung alter ontologischer Erzählungen in ihren Traditionen. Die Zeit ist reif nicht nur für den Wandel säkularer Wissenschaften und Philosophien des Westens, sondern auch für den Wandel der Religionen, vor allem der patriarchalisch-monotheistisch geprägten des Judentums, Christentums und Islams.


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Alles Lebendige ist Beziehung und sehnt sich nach Liebe

„Die Natur ist ihrem Wesen nach Religion“, schreibt der katholische Priester und sozialistische Politiker und Dichter Ernesto Cardenal in seinem „Buch der Liebe – Lateinamerikanische Psalmen“. „Der Sternenhimmel ist ein Gebet und jede Landschaft eine Anrufung. Die Grillen sprechen zu uns genauso von Gott wie die Sterne, und Grillen wie Sterne schreien uns in die Ohren, dass Er sie schuf. Das ganze Weltall wartet auf seine Wiedervereinigung mit Gott. aus dem es hervorging. Fern von Gott sind alle Dinge wie zerstreut und suchen deshalb die Vereinigung mit anderen Dingen. Das Gesetz der Liebe ist das einzige physische und biologische Gesetz des Universums und auch das einzige moralische Gesetz. („Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr eure Nächsten liebet, wie ich euch geliebet habe.“)“

Ernesto Cardenal weist damit auf die Grundstruktur wie die Hauptantriebskraft im Kosmos und allem Lebendigen hin: ein durch den Geist der Liebe durchwirktes Beziehungsnetz. Alles Leben ist Beziehung und sucht Beziehung. Nichts kann allein für sich existieren. Alles ist getragen vom Geist der Beziehung zwischen „Ich“ und „Du“. Diese Grundstruktur hat niemand so klar und ausdrucksstark beschrieben wie der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber: “ „Es gibt kein Ich an sich, sondern nur das Ich des Grundworts Ich-Du und das Ich des Grundworts Ich-Es. “ Und: “ Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du.“ (In „Ich und Du“, 1923)

In der christlichen Bibel findet man verschiedene zentrale Aussagen, die dies schon vor 2000 Jahren unterstreichen: „Im Anfang war Geist… Alles ist durch Geist entstanden. … Und er kam in seine eigene Schöpfung.“ (Joh. 1) Und: „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh. 4,16). Im 1. Korintherbrief preist Paulus die Liebe als die entscheidende Ausichtung des Lebens: „…Hätte ich der Liebe nicht, so wäre mir nichts zunütze.“ Und: „Die Liebe hört niemals auf…“ (1. Kor. 13). Befreit man diese biblischen Aussagen von ihrem Anthropozentrismus und überträgt ihren Kern konsequent auf die kosmische Dimension des Lebens, dann führt dies zu einer Sichtweise und Spiritualität, die unser Leben inspiriert und bereichert. Diese Erzählung vom Leben, das Verbundenheit und Vereinigung auf allen Ebenen des Daseins sucht und sich danach sehnt, hat die bedrohte Welt nötiger denn je.


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Gott stirbt.

Gott löst für immer weniger Menschen noch ihre Probleme. Gott als personales Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten als allmächtiger Herrscher, der in das Weltgeschehen eingreifen oder es, je nach seinem Willen, lassen kann, ist im Zuge der fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Leben und über das Universum nicht mehr glaub-würdig. Er kann immer weniger als Erklärung herhalten für Dinge, auf die man keine Antwort hat. Der theistische Gott, der zugleich Über-Vater ist, hat nichts mehr zu tun. Er ist arbeitslos und stirbt. Die Menschen brauchen ihn nicht mehr. Ihr Bild von sich selbst, ihrer Mitwelt, dem Zusammenhang des Lebens auf der Erde und im gesamten Kosmos, usw. hat sich verändert. Ihre Probleme können anders erklärt werden als mit einem abseits des Lebens sitzenden göttlichen Wesen. Jedenfalls trifft das auf alle zu, die die gewachsenen Erkenntnisse der Wissenschaft ernst nehmen. Gott kann kein Lückenbüßer mehr sein.

Hinter ihm standen Jahrtausende lang auch alle natürlichen Kräfte wie Wind und Sturm, Erdbeben und Tsunamis. Er war dazu bestimmt, zu belohnen und zu bestrafen, zu schützen oder zu vernichten, Gebote zu geben und über deren Einhaltung zu wachen. All diese Vorstellungen sind schon längst nicht mehr glaub-würdig, außer für die, die fundamentalistischen Strömungen der Religionen angehören und dann konsequenterweise auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse ablehnen müss(t)en.

Dies stellt auch John Shelby Spong mutig in seinem Buch „Why Christianity must Change or Die…“ fest – noch während der Zeit seines Bischofsamtes in einer Episkopalkirche der USA . Er verweist darauf, dass bereits Sigmund Freud die eigentliche Ursache für den menschlichen Glauben an ein göttliches allmächtiges Wesen erkannte. In seinem Buch schreibt er:

„Die Geburt der theistischen Religion, so meinte Freud, erwuchs aus dem Trauma des menschlichen Selbstbewusstseins. Über Milliarden Jahre, so beobachtete Freud, hatten die Lebewesen, die diese Erde bewohnten, keine ausreichenden geistigen Fähigkeiten, um die Fragen nach der Bedeutung ihres Lebens zu stellen oder tatsächlich danach zu fragen, ob ihr Leben irgendeine letzte Bedeutung hätte. Sie lebten und starben einfach nach einem endlosen Muster, ohne zu wissen, ob dies  ihre Wirklichkeit oder ihre Bestimmung war.

Schließlich entwickelte sich ein Geschöpf mit einem Gehirn, das zur Selbstwahrnehmung, zum Selbstbewusstsein groß genug war, und das die Fähigkeit besaß, über sich selbst hinauszugehen. In diesem Augenblick brach der Schock der Sterblichkeit und der Bedeutungslosigkeit in die Geschichte ein, behauptete Freud.

Jetzt gab es ein Wesen, welches das Sterben vorweg begreifen, das Unglück verstehen und erkennen konnte, dass sein Schicksal nichts mehr als Zerfall ist. Dies war eine traumatische Erkenntnis, und mit dieser Erkenntnis wurde die bestimmbare menschliche Existenz geboren. Wenn ein Trauma intensiv genug ist und man nicht in irgendeiner Weise damit umgehen kann, reagieren die Menschen mit Hysterie. Freud behauptete, dass Religion der Mechanismus war, mit dem die Menschen auf das Trauma des Selbstbewusstseins reagierten. Sie sollte vor allem die Hysterie in Grenzen halten und diesen selbstbewussten Wesen ermöglichen, den Schock ihrer Existenz zu bewältigen.“ (S. 69-70)

Bischof John Shelby Spong lehnt daher auch in seinem Buch jede Form theistischer Religion ab und zieht die Schlussfolgerung, dass das Christentum selbst auch keine Überlebenschance hat, wenn es sich nicht endgültig und bewusst vom theistischen Gott verabschiedet.

Der Abschied vom theistischen Gott hat auch unmittelbare Konsequenzen für das Menschenbild. Gottes- und Menschenbild (Weltbild) sind immer miteinander verbunden. „Wir Menschen leben nicht in Sünde. Wir sind nicht in Sünde geboren. Wir haben es nicht nötig, dass der Makel der Erbsünde in der Taufe von uns abgewaschen wird. Wir sind keine gefallenen Geschöpfe, die ihr Heil verlieren, wenn sie nicht getauft werden.“ (S. 121)

Dennoch verabschiedet sich Spong nicht vom christlichen Glauben. Er will das Gottesbild radikal verändern. Er sieht in Gott den „Urgrund des Seins“, die „Tiefe“ und „Quelle des Lebens“. Christus sieht er als „Geist-Person“.  Spong will der Kirche helfen, das „Neue“, Notwendige aufzubauen. Er sieht seine Rolle darin, „Sauerteig“ zu sein, „welcher der Kirche helfen will, sich zu ihrer neuen, zukünftigen Gestalt zu entwickeln.“

Auch dieser Blog und die Seite über eine „Theologie des Lebens“ sieht die Notwendigkeit zum Abschied vom theistischen Gott. Er ist nicht mehr glaubwürdig und gehört in eine Welt, die hierarchisch, patriarchalisch und anthropozentrisch aufgebaut ist. Wir brauchen eine andere Sicht auf diese Welt. Sonst trägt der Glaube nichts dazu bei, die gewaltigen Probleme der Gegenwart und Zukunft anzupacken, die in der Gefährdung des Lebens auf dieser Erde bestehen. 

Eine ganz andere Erzählung, der Glaube an die Quelle und Beziehungskraft des Lebens, an die geschaffene und schaffende Lebendigkeit, in der alles miteinander verbunden ist, kann dagegen eine große spirituelle Kraft sein. Wenn es gelingt, diese zu nutzen, wird es leichter sein, noch etwas zur Erhaltung des Lebens beizutragen. Weder ein theistischer Glaube mitsamt apokalyptischer Vorstellungen vom Ende der Welt noch eine mechanistische, kalte Vorstellung vom Leben als sinnlosem Ablauf von Gesetzmäßigkeiten können dazu einen wirkungsvollen Beitrag leisten. Die Erzählung vom „heiligen Leben“ oder der „Mutter Erde“, von der Kraft der Liebe als verbindender Kraft ist dabei nichts Neues. Schon in alten Naturreligionen war sie lebendig. In der Mystik der Religionen steht sie im Zentrum. Sie wurde aber durch die patriarchalen Religionen überlagert und muss heute neu entdeckt und in unsere Zeit mit ihren aktuellen Erkenntnissen über das Leben transformiert werden.


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Das Böse gibt es nicht! Es existiert nur in unseren Ängsten!

Die Kriminalpsychologin und Bestsellerautorin Dr. Julia Shaw hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben: „BÖSE – Die Psychologie unserer Abgründe“. Shaw sucht und findet das „Böse“ nicht nur in den Gehirnen von Massenmördern, sondern in jeder und jedem von uns. Und sie erläutert mithilfe von psychologischen Fallstudien und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie wir uns mit unserer dunklen Seite versöhnen können. Das außergewöhnliche Buch räumt mit den uns vertrauten Kategorien von „Gut“ und „Böse“ auf und wirft sie über den Haufen. Sie schreibt u.a.: „Wir erschaffen das Böse, wenn wir etwas als solches etikettieren. Das Böse existiert als Wort, als subjektives Konzept. Doch ich bin fest überzeugt, dass es keinen Menschen, keine Gruppe, kein Verhalten, keine Sache gibt, die objektiv böse ist. Vielleicht existiert das Böse wirklich nur in unseren Ängsten.“

Natürlich hat es seine Gründe, warum Menschen in Kategorien von „gut“ und „böse“ denken (können), warum sie nach ihren Maßstäben die Welt entsprechend einteilen und beurteilen. Es schafft Sicherheit, wenn man weiß, auf welcher Seite man steht. Es schafft auch die Möglichkeit, Macht und Herrschaft zu begründen, Gewalt und Krieg. Es hat vermutlich tief und weit zurückliegende Gründe in der Evolutionsgeschichte des Menschen und der Entwicklung seines Gehirns, dass er in dieser Weise stets urteilt und sein Handeln danach ausrichtet. Doch nirgendwo anders im natürlichen Leben außer im Gehirn des Menschen ist es möglich, die Welt in dieser Weise einzuteilen. Es gibt empfundene subjektive Ungerechtigkeit und so auch das subjektiv erlebte „Böse“ bei den Opfern drohender und faktischer Gewalt. Die Angst davor führt zur Flucht oder zur Gegenwehr. Das ist ihre Funktion. Objektiv existiert das Böse dadurch aber nicht.

Die patriarchalen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben das „Gute“ und „Böse“ noch überhöht, die Einteilung der Welt in „Gott“ und „Satan“ und den Kampf dieser Mächte zu etwas „Heiligem“ gemacht. Wie sehr sie damit Krieg, Gewalt und Elend noch „befeuert“ haben, braucht wohl nicht erläutert zu werden. Die Religionen stehen angesichts ihrer eigenene Gewalt- und Schuldgeschichte und angesichts modernster Erkenntnisse der Neurologie, der Psychologie, Anthropologie und der Evolutionsgeschichte des Menschen vor der großen Aufgabe, sich endgültig von den Kategorien „gut“ und „böse“ zu verabschieden. Es gibt nur eine Wirklichkeit, nur eine „Göttlichkeit“. Sie nimmt Leid und Ungerechtigkeit in Kauf und dennoch beinhaltet sie zugleich die Verpflichtung, diese zu verändern, aus ihnen die Kraft zu ziehen, das Beziehungsnetz des Lebens zu stärken, wo und wann immer es möglich ist. Die Religionen sollten sich endgültig von einem angeblichen „Satan“ und der „Hölle“ verabschieden, die immer nur den Ängsten und Gehirnen der Menschen entsprang, aber nie dem wirklichen Leben. Es wird Zeit für eine Theologie und Lebenserzählung jenseits von „Gut“ und „Böse“, Zeit, eine neue Geschichte über das Leben zu schreiben.


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„Sie müssen sich das Leben auf der Erde wie ein Netz vorstellen“ (Dirk Steffens)

In einem aktuellen Interview über „das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier auf der Erde“ (vor 65 Millionen Jahren) gebraucht der bekannte Journalist Dirk Steffens ein prägnantes Bild, um deutlich zu machen, wie dramatisch sich die Ausrottung der Arten durch den Menschen auf ihn selbst auswirkt.

„Sie müssen sich das Leben auf der Erde wie ein Netz vorstellen, das uns alle trägt. Jede Art hat eine Funktion, so wie ein einzelner Faden. Wenn zu viele Fäden reißen, bricht alles zusammen. Die Menschheit ist gerade dabei, ihre eigenen Lebensgrundlagen zu vernichten.“

Das Bild vom Leben als Netz, in dem alles miteinander verbunden ist, ist noch recht neu. Im orthodoxen Darwinismus, der die dogmatisch-reduktionistische Wissenschaft geprägt hat, herrscht vor allem das Bild des Überlebenskampfes der Arten und der Gene vor, so z.B. beim britischen Porpulär-Biologen Richard Dawkins („Das egoistische Gen“, 1976). Alles ist geprägt von der Konkurrenz und dem Ziel der Selektion durch immer perfektere „Überlebensmaschinen“.

Die patriarchalen Religionen Judentum, Christentum und Islam haben jahrtausendelang einen Theismus proklamiert (und tun es in ihren Hauptströmungen bis heute), der vor allem das Trennende und Hierarchische des Lebens hervorhebt. Es existiere, so ihre Behauptung, ein göttliches Herrschafts- oder übermenschliches Elternwesen mit menschenähnlichen Eigenschaften, das das Verhalten des Menschen beurteile, dem wiederum alles andere Leben untergeordnet sei. Dieses Gottwesen erhalte seine Schöpfung, greife in sie nach Bedarf ein und lenke sie. Das rein hierarchische Verhältnis wird entsprechend übertragen auf das zwischen Mensch und Natur. Der Mensch stehe der „Natur“ gegenüber und hat im besten Fall „Verantwortung“ für sie (sie zu erhalten und in sie einzugreifen), gehöre ihr aber nicht zu.

Es wird Zeit für einen radikalen Perspektivwechsel, von der „Krone der Schöpfung“ zum „vernetzten“ Organismus des Lebens. Das Leben braucht den „Kampf“ der Individuen und einzelner Arten untereinander, um sich weiter zu entwickeln, aber die Kooperation steht nicht im Dienste dieses „Egoismus“, sondern umgekehrt. Das Beziehungsnetz ist die Grundlage für die Evolution jedes seiner Mitglieder. Kein Mitglied des Netzes kann allein existieren. Jedes ist ein Mangelwesen, das angewiesen ist, auf das Potential anderer. Auf einzelne Individuen wird dabei nicht immer Rücksicht genommen. Doch wenn Fressen und Gefressenwerden nicht mehr im Dienst der Lebensgemeinschaft stehen und zuviele Fäden des Netzes von Einzelnen gerissen werden, geraten diese ins Abseits.

Letztendlich wird dies gerade am Menschen deutlich: sollte er auf seinem „Egoismus“ bestehen und seine Herrschaft mittels der von ihm geschaffenen Maschinen weiter auf Kosten anderer Lebensarten perfektionieren, gerät er in eine Sackgasse der Evolution und stirbt aus. Eine solche Lebensart ist im Beziehungsnetz des Lebens auf Dauer nicht überlebensfähig.


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Der neue Bericht des Club of Rome schlägt Erzählung vom „Heiligen Leben und der Lebendigen Erde“ vor

46 Jahre nach den „Grenzen des Wachstums“ gibt es einen neuen Bericht vom CLUB OF ROME. Und der ist richtig stark! Spannend und neu ist vor allem, dass die Autoren nun eine Neue Aufklärung fordern, eine neue Erzählung im Anthropozän. Dabei setzen sie auch auf einen Wandel der Religionen und eine neue Rolle, die diese mit ihrer spirituellen und moralischen Kraft spielen sollten. Bezug nehmen die Ko-Präsidenten des CLUB OF ROME, Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman, dabei auf David Kortens Bericht „Change the Story, Change the Future“, der die jahrtausende alte Erzählung der monotheistischen Religionen von Gott als „fernen Patriarchen“ scharf kritisiert. Dieser habe immer über die Menschen und „seine“ Schöpfung, die Natur geherrscht.

„Um die Lernunfähigkeit des Dogmas vom fernen Patriarchen und den zerstörerischen Wahn vom heiligen Geld zu vermeiden, schlägt Korten eine neue Erzählung und Kosmologie vor, die er die Erzählung vom Heiligen Leben und der lebendigen Erde nennt.“ Er „bezieht sich auf die Cochabamba-Erklärung von 2010 über die Rechte der Mutter Erde und die weltweit aufkommenden Bewegungen zu einer Lebenden Wirtschaft als Beispiele dafür, wie die Erde und alles Leben auf ihr durch eine neue Erzählung bewahrt werden können.“ (Club of Rome: Der große Bericht „Wir sind dran“, S. 132)

Einen positiven Ansatz sieht der CLUB OF ROME- Bericht von 2017 auch in der Enzyklika „Laudato Si“ des aktuellen Papstes Franziskus. In dieser wird die Erde als „Gemeinsames Haus“ verstanden und die Schöpfung mit der „Geschwisterlichkeit“ allen Lebens als „§Geschenk“ begriffen.

Im Anthropozän sind die Religionen ebenso wie die Philosophen aller Kulturen ebenso wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik herausgefordert, eine neue Haltung des Menschen zur Mit-Natur und damit eine neue Erzählung von seiner Rolle und seiner Aufgabe für Gegenwart und Zukunft zu verfassen. Nur, wenn diese sich durchsetzt, können dem Menschen wohl auch die ungeheuren Anstrengungen und zugleich die Explosion an Kreativität gelingen, die notwendig sind, sein Bestehen im angebrochenen 3. Jahrtausend n. Chr. auf diesem Planeten zu sichern.