THEOLOGIE DES LEBENS

Eine neue Erzählung über das Leben, wie wir es erfahren

Commons als jüdisch- (ur)christliche Lebensform

2 Kommentare

„Commons sind lebendige soziale Strukturen, in denen Menschen ihre gemeinsamen Probleme in selbstorganisierter Art und Weise angehen.“ (Silke Helfrich und David Bollier in „Frei, fair, lebendig – Die Macht der Commons)

Commons und Commoning als Lebensform sind ganzheitlich zu verstehen. Sie erfüllen Bedürfnisse im fairen Umgang miteinander, sie fördern Verbundenheit und Empathie, sie stärken ein Bild des Menschen als ein Individuum, das sich nur im Miteinander verstehen, verwirklichen und bereichern kann. Commons haben daher eine soziale und eine kulturelle, aber auch eine spirituelle Dimension.

Commons als Lebensform ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Im größten und längsten Teil der Geschichte waren Menschen in kleinen überschaubaren Gruppen unterwegs, in denen Kooperationen und intensive Formen sozialen Miteinanders selbstverständlich, ja überlebenswichtig waren. Durch viele Jahrtausende währende Lebenspraxis und soziale Erfahrungen wurden Empathie und Vertrauen als wichtigste Basis menschlicher Zusammenarbeit geprägt. Hier gab es weder Privateigentum noch klare Hierarchien. Ohne diesen Teil der Geschichte zu romantisieren, können wir behaupten, dass Neid und Egoismus den Menschen während dieser Zeit wohl vollkommen fremd waren. Sie ergaben schlichtweg keinen Sinn, wären schädlich und gemeingefährlich gewesen. Erst die Sesshaftwerdung und die Besitznahme von Land als „Eigentum“ verändert diese Lebensweise grundlegend.

Als die ersten biblischen Schriften geschrieben werden, hat sich die Landwirtschaft längst etabliert. Und mit ihr, über die Jahrtausende hinweg, eine hierarchische, monarchische Gesellschaft. Zu Jesu Zeiten gibt es in Israel große soziale Verwerfungen. Machtkonzentrationen und Großgrundbesitz auf der einen und Tagelohn sowie bittere Armut und Rechtlosigkeit auf der anderen Seite erschüttern die sozialen Verhältnisse. Jesus trifft im Lebensalter von ca. 30 Jahren die Entscheidung als mittelloser geistlicher Lehrer auf Wanderschaft zu gehen und stößt eine Armenbewegung an. Im Mittelpunkt steht seine Predigt vom Kommen des „Reiches Gottes“ (oder, wie es im Matthäus-Evangelium genannt wird, „Reich der Himmel“). Es wirkt wie ein Gegenmodell zur erfahrenen Gesellschaft- und Wirtschaftspraxis.

Jesus stellt die Erfüllung der seelischen wie materiellen Grundbedürfnisse ins Zentrum. Er will den Zugang aller zu den wichtigsten Gütern des Lebens. Mit seiner Bewegung lebt er es vor. Er nimmt sich mit denen, die ihm folgen, selbst am Sabbat von den Kornfeldern zu Essen, lässt sich zu Feiern und Mahlzeiten in Häusern von Menschen einladen, die genug zum Teilen haben. Teilen und lebendiger Austausch werden bei ihm spirituelle Rituale und vorweggenommene Praxis des „Reiches Gottes“. Das Reich der Liebe Gottes wird zur neuen Erzählung vom Menschsein und alternativen gesellschaftlichen Leben.

Der Tisch, an dem gerechte Teilhabe aller geschieht, wird zum zentralen Symbol und täglicher Praxis. Hierarchien werden beseitigt („Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein.“, Matthäus 19, 30 u.a.). Der „Meister“ wäscht seinen „Jünger*innen“ die Füße (Johannes 13, 1-17). Im Reich Gottes zählen nicht die Werte einer aristokratisch-monarchischen Gesellschaft. Jesus ruft die Werte der Jäger*innen- und Sammler*innen- Zeit wach, die nach wie vor in den Menschen schlummern. Die Form eines besseren Miteinanders und des Vertrauens als entscheidende Basis, wie sie ehemals die Menschheit bestimmt hatte, ist im sozialen Gedächtnis und als Sehnsucht im Menschen tief verwurzelt.

Andererseits sind viele Bilder der Predigt Jesu und seiner Erzählungen und Gleichnisse von denen der damaligen Gesellschaft geprägt. Dazu gehören Androhungen von Strafen sowie Ausschlüsse derer, die nicht rechtzeitig „umkehren“ und den Anforderungen des kommenden Reiches gerecht werden. Sie prägen die Unerbittlichkeit seiner Botschaft. Auch wenn nicht immer hundertprozentig klar ist, welche Aussagen Jesus in späterer Zeit in den Mund gelegt werden, passen zeittypische apokalyptische Bilder durchaus zur Radikalität seiner Bewegung.

Entscheidend ist allerdings, wie sich die Kernstruktur der Lebensform, die Jesus anstößt nach seinem Tod in festen Hausgemeinschaften jüdisch-urchristlicher Gemeinden auswirkt. In Apostelgeschichte 2, 44-45 heißt es: „Und alle, die glaubten, waren an demselben Ort und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.“ Hier wird ganz selbstverständlich eine Form von Commoning gelebt – als Vorwegnahme des Reiches Gottes. Zu Lebzeiten Jesu hatte er seine Nachfolger*innen ermutigt: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“, Lukas 17, 21).

Einige Kirchenväter proklamieren auf dieser Grundlage später „Commons“ als vorbildliche Lebensweise. „Basilius von Caesarea, Johannes Chrysostomos oder Ambrosius von Mailand betonten, dass Reichtum im Gegensatz dazu steht, dass die Erdengüter allen Menschen in gleicher Weise gegeben sind. Basilius prägte das Bild von einem Sitzplatz im Theater. Dieser ist ein allgemeines Gut, auch wenn ihn jemand, der ihn gerade in Besitz genommen hat, als seinen eigenen bezeichnet,“ (Wikipedia)

Auch wenn sich das Bewusstsein der Zeit verändert hat und Commons in der aktuellen weltweiten Bewegung zurzeit neu diskutiert, definiert und gelebt werden. Die Welt der Commons hat es wohl zu allen Zeiten gegeben. Durch den radikalen Wanderprediger Jesus von Nazareth und die jüdisch-urchristlichen Gemeinden in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus haben Commons eine besondere spirituelle Dimension bekommen. Die Ursprünge dazu liegen allerdings tief in der Menschheitsgeschichte verborgen, als Rituale des Teilens und des freien Austausches bereits früh Teil der spirituellen Geschichte der Menschen wurden.

In der größten Krise der Menschheitsgeschichte im Anthropozän unserer Tage hängt das Überleben in neuer Weise davon ab, ob weltweit eine andere Haltung und Erzählung der Menschen und eine damit verbundene, bisher nie dagewesene weltweite Kooperation im Commoning gelingen kann. Nicht nur die jüdisch-christliche Religion könnte dazu einen elementar-wichtigen spirituellen Beitrag leisten.

Autor: theologiedeslebens

Ev. Pfarrer in Dortmund

2 Kommentare zu “Commons als jüdisch- (ur)christliche Lebensform

  1. Nur ist der Jesus der Commons eben nicht der, den das nicäanische Kirchenbild bis heute tradiert. Sondern steht viel eher in einer (auch) zivilisierteren heidnischen Tradition von Anbeginn der Menschheitsentwicklung an. Und er hörte auf (und liebte höchstwahrscheinlich) seine unverheiratete Lebensgefährtin Maria Magdalena, eine heidnisch phönizische Priesterin, erste Apostelin der neu aufkommenden gnosisch-christlichen Bewegung im anbrechenden mystischen Fischezeitalter. Noch vor der inquisitorisch patriarchalischen Kirche, die Konstantin allein 324 gründete, allein um seine Macht zu sichern. WENN man schon ganzheitlich betrachtet, gehört auch das von der Kirche zensiert- und verbotene christopagane Weltbild wieder mit dazu! https://www.astrologischesabendmahl.de/venus-maria-magdalena-und-das-hl-weibliche.html

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  2. Sicher nicht nur Christlich ist in der eher philosophischen Forderung nach Menschlichkeit, auch in der Natur-& Waldforschung sowie allen Kulturkreisen das Ur-& Grundprinzip innewohnend, dass nur gut überleben kann, was sich in der Gemeinschaft mit allem ihm umgebenden Leben im Sinne des Gemeinwohls verbindet und sich gegenseitig mit jedem in seiner Einzigartigkeit zum großen Ganzen zusammenfindet. Wie auch Hildegard Kurt & Andreas Weber dem Commons und der als Indigenialität bezeichneten Zugehörigkeit zu unserem Naturkreis unseres Holozäns zusprechen.
    – Das Ende des verkopften Menschen und des algem. Artensterbens führt in ein neues Zeitalter der Bäume. Dieses hat schon begonnen, denn unsere Zeit der Dominanz war dann doch zu kurz um sich als Epoche einen Namen zu verdienen.
    Herzlich einige Grüße: …see&feel Oness wi se World!
    LG:JH iG DAly

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