THEOLOGIE DES LEBENS

Eine neue Erzählung über das Leben, wie wir es erfahren

Auftrag, die Erde „zu bebauen und zu bewahren“ (Gen.1, 28), ist fatale Fehleinschätzung

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In der alten biblischen Schöpfungsgeschichte der jüdischen und christlichen Bibel wie auch der Variante im Koran ist der Mensch beauftragt, die Erde und alle nichtmenschlichen Lebensarten auf ihr zu beherrschen. Dies ist im Sinne eines „Verwaltens“ an Stelle Gottes auf Erden gemeint. In einer Studie der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) von 2015 heißt es dazu:

„Dieser »Herrschaftsauftrag« ist im Lichte von Gen 2,15 zu interpretieren: »Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.« »Das Herrschen, das nach biblischer Aussage dem Menschen neben dem Bebauen und Bewahren eingeräumt und angewiesen ist, ist zu verstehen als das Handeln, durch das der Mensch den Lebensraum für sich und die übrigen Geschöpfe bewahrt«, schreibt der Theologe Wilfried Härle. Die Welt ist uns in diesem Sinne anvertraut, um sie zu hegen und zu pflegen und ihre Potenziale zu entwickeln. Gefordert wird ein gärtnerischer Umgang mit der Natur. Mit der Sonderstellung des Menschen als Ebenbild Gottes, wie sie in der Schöpfungsgeschichte dargelegt ist, kommt dem Menschen die von Gott übertragene Verantwortung zu, die Schöpfung zu bewahren und sie treuhänderisch zu verwalten.“

Ein ganz ähnliches Verständnis von der Sonderstellung des Menschen ist im Koran zu finden. Der Mensch wird hier als Statthalter Gottes auf Erden gesehen (Sure 2:30).

Diese Sicht der biblischen und koranischen Schriftschreiber kann mit den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Evolution des Lebens als auch denen der Anthropologie nicht mehr geteilt werden. Aus heutiger Sicht ist eine angebliche Beauftragung der Lebensart Mensch, alles Leben auf der Erde zu verwalten, eine fatale Fehleinschätzung. Die Verantwortungsübernahme für alle ökologischen Netzwerke des Planten stellt eine vollkommene Überforderung dieser Lebensart dar. Soviel der Mensch mittels seines Gehirnes an ungeheurem Wissen bisher auch sammeln konnte, er kennt noch nicht einmal annähernd alle anderen Lebensarten der Erde. Der Mensch war, ist und wird nie in der Lage sein, diesen angeblichen Auftrag zu erfüllen. Dies ist die Erkenntnis unserer Zeit. Daher sollten Theologinnen und Theologen auch nicht länger behaupten, dass es einen göttlichen Auftrag der Verwaltung jemals gegeben hätte.

Die, die den Auftrag, das Leben zu bewahren, seit Jahrmillionen Jahren auf dieser Erde erfüllen (längst bevor der Mensch entstand), sind die Pflanzen. Sie liefern Energie und Nahrung für Tiere und Menschen(tiere), sie liefern die Luft (den Sauerstoff) zum Atmen. Sie tragen in Kooperation mit Pilzen, Insekten, Vögeln und anderen Tieren zur Erhaltung des ökologischen Netzwerkes und des Organismus der Erde bei, in dem alle Lebewesen eingebunden sind. Sie stärken tagtäglich das Immunsystem alles Lebendigen auf der Erde. Der Mensch wäre damit restlos überfordert. Nur die Bäume und anderen Pflanzen, Pilze sowie Kleinstlebewesen und Insekten unter und auf der Erde können das Leben auf diesem Planeten retten, nicht der Mensch.

Des Menschen vornehmliche Aufgabe ist es, seine alles und sich selbst zerstörende ungeheure Gewalt zurückzunehmen, damit sich die nichtmenschliche Natur mit ihren heilenden Kräften wieder entwickeln kann. Mehr kann er nicht. Das sollte er aber und muss es auch, wenn er zur Rettung seiner selbst beitragen will.

Autor: theologiedeslebens

Ev. Pfarrer in Dortmund

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