THEOLOGIE DES LEBENS

Eine neue Erzählung über das Leben, wie wir es erfahren


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Der Atem des Lebendigen und die stetige Durchmischung des Lebens – Oder: alles ist Himmel.

Was macht Leben essentiell aus? Welche Bilder und Erzählungen helfen uns, einer Antwort auf diese Frage näherzukommen?

Eine Antwort darauf, welche auch immer, kann nur vorläufig sein, eine für den Menschen feststellbare, begreifbare „Wahrheit“ gibt es schlechthin nicht. Und dennoch gehört es zum Menschlichen, diese Frage zu stellen und eine Antwort zu suchen. Dass der Mensch die Sinnfrage stellt, ist eine seiner Möglichkeiten, das Wirkliche zu durchdringen, sich mit dem Leben zu arrangieren, aber auch sich beleben zu lassen.

Welche Sicht der Mensch dabei auf sich selbst und die Welt hat, ist entscheidend dafür, wie er sich gegenüber dieser Welt verhält.

Bereits in anderen Beiträgen habe ich versucht, deutlich zu machen, warum heute ein fundamental neues Verhältnis des Menschen zur Welt beschrieben und erzählt werden muss, damit der Mensch sein gegenüber sich selbst und der Vielfalt des Lebens zerstörerisches Verhalten umkehren kann.

Einer der zentralen Erkenntnisse dabei ist:

„Die Welt ist nicht die Summe aller Dinge, sondern eine Symphonie von Beziehungen“. Mit dem Biologen und Philosophen Andreas Weber, von dem dieser Satz stammt, den ich bereits in einem anderen Beitrag zitierte, kann der Prozess des Lebendigen als „ein schöpferischer, ausdrucksvoller, vielleicht sehnsuchtsvoller Prozess“ gesehen werden, „der was mit Durchdringung zu tun hat“ (Weber in einem Interview im Deutschlandfunk vom 26.7.2018).

Das widerspricht vielfach der materialistischen Sichtweise einer Welt des Getrenntseins von Dingen und Individuen, die allenfalls Notwendigkeiten der Existenz, wie Nahrung und Überlebenswillen miteinander verbindet. Hier setzt sich eins gegenüber dem anderen durch, um es selbst zu bleiben, sein Leben zu „bewahren“. Weber sieht aber das Prinzip der „Durchmischung“ in der Beziehung des Lebendigen zueinander. Und die bedeutet auch immer „Verwandlung“ und Vervielfältigung, ein Prozess des Werdens, zu dem notwendigerweise auch das Sterben und Geboren werden gehört.

Wie Weber so hebt auch der italienische Philosoph Emanuele Coccia in diesem Zusammenhang die zentrale Bedeutung des Atems für alle Lebewesen hervor: „Die Luft, die wir atmen, … ist nicht einfach nur da, sie ist keine Auswirkung der Erde an sich – , sondern sie ist tatsächlich der Atem anderer Lebewesen. Sie ist ein Nebenprodukt aus dem ‚Leben der Anderen‘. … Wir ernähren uns tagtäglich von den gasförmigen Ausscheidungen der Pflanzen, wir können nur vom Leben der Anderen leben.“ Wir teilen diesen Atem miteinander, auch einen Teil unseres eigenen mit den Anderen und umgekehrt. Mehr noch: die Luft, die wir atmen, wird ein Teil unseres Selbst, unseres Blutkreislaufs und schließlich unserer Organe. Das, was das Leben umfasst, wird Teil des Umfassten. Außen und innen sind zentral miteinander verbunden.

Nicht von ungefähr hat der „Atem“ immer schon eine spirituelle Bedeutung gehabt, von den Naturreligionen indigener Völker, über die Weltreligionen wie die abrahamitischen, in denen Gott bei der Schöpfung den Odem des Lebens in den Menschen bläst (Gen. 2, 7) als auch in der griechischen Philosophie mit ihrer Ausrichtung einer Pneumatologie.

„Atmen bedeutet das Eintauchen in das Milieu, das uns mit derselben Intensität durchdringt, wie wir es durchdringen“, hebt Coccia hervor (in: „Die Wurzeln der Welt“, S. 23). Im Religiösen würde dem am ehesten das Bild Gottes als Geist entsprechen, jedenfalls wenn ihm die hierarchische Stellung genommen wird, die er in den patriarchalen Religionen oft einnimmt. Geist steht dann für den immerwährenden Schöpfungsprozess selbst, das Fließen und Vermischen des Lebens, das sich selbst immer wieder neu vervielfältigt. Zwei wesentliche Züge hat dieser Prozess: eins braucht das andere, lebt und ernährt sich von ihm. Und nimmt in der Sexualität aktiv teil an Vermischung und Vervielfältigung des Lebens.

Gott wäre damit nicht statisch, sondern als sich selbst Veränderndes zu verstehen. Außen- und Innenwelt sind dabei nicht zu trennen.

Coccia geht in seinem Bild von Welt aber noch einen Schritt weiter. Das Atmen ist zugleich Teilhabe an der Atmosphäre. Diese entsteht durch Lebewesen, die durch ihren Gasaustausch für die bestimmte Zusammensetzung der Luft sorgen, ohne die die Tiere und Menschentiere nicht leben könnten. In den Pflanzen sieht er die eigentlichen „Macher der Welt“, denn sie produzieren neben der Atemluft auch alle anderen organischen Stoffe, aus denen tierische Lebensformen bestehen und von denen sie sich ernähren.

Die Pflanze „ist die intensivste, die radikalste und paradigmatischste Form des In-der-Welt-Seins. … Unter Sonne und Wolken, vermengt mit Wasser und Wind, ist ihr Leben eine unendliche kosmische Betrachtung, ohne Trennung von Gegenstand und Substanz… bis hin zur Verschmelzung mit der Welt, bis zum Zusammenfall mit ihrer Substanz.“ Dabei verbindet sie durch die Wurzeln auf der einen Seite und ihre äußeren Triebe und Blätter auf der anderen Seite Erde und Himmel so elementar miteinander, wie es kein anderes Lebewesen vermag. Der entscheidende Prozess für das Leben ist ihre einzigartige Fähigkeit zur Photosynthese. Aus Lichtenergie wird unter Nutzung von Wasser Lebensstoff. Nicht der Mensch oder ein anderes Tier, sondern die Pflanze ist beauftragt, das Leben auf der Erde zu „verwalten“ (vgl. auch meinen anderen Beitrag zur Schöpfungsgeschichte der Bibel). Das Leben hat keinen irdischen Ursprung, keinen festen Grund und Boden, sondern einen himmlischen. Die Pflanzen sind Vermittler des Himmels auf Erden und sorgen so dafür, dass die Vielfalt des Lebens entstehen und Leben sich weiterentwickeln kann. Alles hängt letztendlich von der Sonne ab und den Wesen, die aus Sonne irdischen Lebensstoff machen. Über Coccia hinaus muss ergänzt werden, dass die Pflanzen wertvolle Helfer im Boden haben, mit denen sie kooperieren, Pilze, Insekten, Mikroben, Bakterien, die den Boden immer wieder durchwälzen und durchdringen. Die in Kooperation mit den die Erde mit „Atem“ durchlüftenden Wurzeln die Grundlage für neues Werden des Lebens aus dem Samen der Pflanzen sorgen. Die Samen wiederum entfalten auf neue Weise die Gestalt des Lebens, die sie gespeichert haben, nicht ohne offen und anpassungsfähig für eine Veränderung zu sein, die die stets sich erneuernden Lebensbedingungen mit sich bringen. Alles ist letztlich Himmel, er ist Ausgangspunkt, Lebensenergie und Prozess der Durchmischung des Lebens zugleich. Coccia betont und fordert auf, mit dieser Sicht auf das Leben endlich das heliozentrische Weltbild des Kopernikus radikal ernstzunehmen. Dies geht nur, wenn wir die Welt aus Sicht der Pflanzen betrachten. Dass wir also Himmelskörper sind wie alle anderen kosmischen Körper, stellt das Bild des Menschen als Erdling und damit die Zentralstellung der „Mutter Erde“ in Frage. Der Organismus der Erde, in den wir eingebunden sind, lebt ganz allein vom Himmel und Lebewesen, die den Himmel auf und in die Erde bringen. Das biblische Bild von der Schöpfung des Menschen aus „Adamah“ (roter Erde; Gen. 2,7) braucht eine Ergänzung, denn die Erde selbst ist bereits materialisierter Himmel.

Ein solch neues Bild auf die Schöpfung verändert alles. Es ist ein gewaltiger Perspektiv- und Paradigmenwechsel, der nicht nur unseren vernichtenden Umgang mit den Tieren als enge Verwandte und ihrer Vielfalt auf der Erde in Frage stellt, sondern mindestens ebenso ein ganz neues Verhältnis zu den uns viel fremderen Lebensformen wie den Pflanzen einfordert. Im Baum des Lebens ist der Mensch auf nur einem Zweig von unendlichen Verästelungen zu finden. Zudem ist jede Materie und damit jede Lebensart und Lebensform, auch der Mensch, einer stetigen Umwälzung und Vermischung unterworfen. Was bleibt ist nur Himmel, keine bestimmte Form des Lebens auf Erden, letztendlich auch nicht die Vermittler des Lebens auf Erden, die Pflanzen und die Erde selbst. Jede „Wohnung“, jedes „Haus“, jede „Wohnung“, jede „Heimat“ ist vorläufig, fragil, der Veränderung unterworfen, endlich. Es geht im Prozess des Lebens nicht um „Bewahrung“ der Schöpfung. Denn wenn die Sonne als Himmelskörper erkaltet, verändert sich das Leben des Kosmos wieder weiter. Die Himmelskräfte drängen dann zu neuen materiellen Formen in der immerwährenden, „sehnsuchtsvollen“ Durchdringung des Kosmos, in der Symphonie von Beziehungen in ihm, dem Meer der unendlichen Möglichkeiten.