THEOLOGIE DES LEBENS

Eine neue Erzählung über das Leben, wie wir es erfahren

Bei der Lebens-Intelligenz stehen die Pflanzen ganz oben

9 Kommentare

Die Verantwortung des Menschen, sein Bewusstsein, seine Vernunft sind bedeutsam für das Leben auf der Erde, wenn der Mensch sie für das Leben einsetzt – aber nicht bedeutsamer als das, was Pflanzen und Tiere in jedem Moment des Lebens zum Lebensnetzwerk beitragen. Der Mensch hat ein anderes – im Vergleich zu den meisten Tieren – erweitertes Gehirn. Es hat besondere Fähigkeiten. Aber nicht bedeutsamere Fähigkeiten oder höherwertigere, intelligentere, würdevollere für das Leben. Er ist mit seinen Sinnen im Begreifen des Lebens sogar sehr eingeschränkt gegenüber vielen Sinnen von anderen Tieren und vor allem der Pflanzen (und da steht ihm oft gerade das Wunderwerk Gehirn, das er besitzt, im Weg). Schon früh beginnt der Mensch zudem, all die Lebewesen, die ihn besonders bedrohen, zu vernichten. Er rottet alle Raubtiere aus, in deren Beute-Schema er fällt und setzt sich innerhalb kurzer Zeit an die Spitze der Nahrungskette. Und er stellt seitdem eine hierarchische Lebensordnung auf, indem er bis heute in seiner Bewertung (als „Krone der Schöpfung“) ganz oben steht. In seiner Anmaßung meint der Mensch, die Schöpfung (Evolution) laufe nur auf ihn hinaus, so schon in den alten Schöpfungsgeschichten, aufgeschrieben im 9. Jahrhundert vor Christus.  Der moderne Mensch begründet seine Spitzenposition nicht selten mit seiner Intelligenz. Doch was heißt „Intelligenz“? Gibt es auch eine „Lebens-Intelligenz“, eine, die besonders klug zum Erhalt und zur Förderung des Lebensnetzwerkes beiträgt, dann kann eine ganz andere Ordnung als die bisher vom Menschen definierte aufgestellt werden.
Wer im Lebensnetzwerk herrscht – und zwar in sehr positivem, lebenserhaltenen Sinn – sind die Pflanzen. Sie sind im Vergleich zu Tieren und dem Mensch vergleichsweise sanft und friedlich, tragen aber das meiste zum Gesamtleben bei, z.B. Zucker, Sauerstoff, Energie. Erst danach kommen die Tiere und zwar zunächst die ganz kleinen, vielfach für den Menschen unsichtbaren, die die Erde belüften, die Erde fruchtbar machen, den Pflanzen und Bäumen helfen, dann größere Tiere und  zum Schluss das Mensch gewordene Tier, dessen zerstörerische Fähigkeiten das Leben am meisten bedrohen und am wenigsten zur Förderung des Lebens beitragen. Vielleicht wird das Leben eines Tages auf diese Lebensart am Ende der Skala der Lebens-Intelligenz verzichten, weil sie zu mangelhaft ist. Es wäre nicht die erste und nicht die letzte Art, die für immer auf diesem Planeten verschwindet. Viele der Pflanzen allerdings, die es bis heute auf der Erde gibt, existieren schon seit Milliarden Jahren und werden wohl noch viel länger mit ihrer Intelligenz das Leben unzähliger anderer Lebensarten ermöglichen.

Autor: theologiedeslebens

Ev. Pfarrer in Dortmund

9 Kommentare zu “Bei der Lebens-Intelligenz stehen die Pflanzen ganz oben

  1. Dir dürfte das Buch „Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben gefallen.

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  2. Aus rein wissenschaftlicher Sicht ist es sicher problematisch, die Phänomene zu „vermenschlichen“ oder sie zu sehr mit den menschlichen zu vergleichen. Allerdings halte ich es dennoch für legitim, um die Einfühlsamkeit, Achtsamkeit und Demut seitens uns Menschen zu stärken. Es sollten nur auch die Grenzen aufgezeigt werden. Wir können beispielsweise längst noch nicht ermessen, ob Gefühle wie Schmerz und Freude annähernd vergleichbar sind. So lange das so ist, sollten wir uns an die wissenschaftliche Erkennntnis halten: „Wir wissen, dass wir nicht wissen!“ Die Wahrnehmungen der Welt und anderer Lebensformen sind bei den einzelnen Arten sehr unterschiedlich. wir sollten uns allerdings von grundsätzlichen hierarchischen Bewertungen verabschieden!

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    • Ich bin inzwischen durch das Buch durch und ich finde, dass das „Vermenschlichen“ eher eine Distanz schafft zu der den Bäumen eigenen Lebensrealität. So ein Baum läuft nicht, prokrastiniert nicht bei YouTube, kocht kein Essen, liest nicht, wählt keine Partner*in … Er macht dafür aber andere Dinge, die man glaub ich besser in ihrer Fremdheit belassen würde, um sie richtig zu würdigen. So wie man sich auch davor hüten sollte, andere Religionen/Weltanschauungen zu vereinnahmen durch ein leicht dahin gesagtes „Wir glauben doch alles das Gleiche“ o. ä.

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      • Es geht auch mir tatsächlich um eine Würdigung des Lebens anderer Arten auf dieser Erde durch uns Menschen. Darin steckt das Wort „Würde“. – Etwas anders als Wohlleben beschreibt Stefano Mancuso, italienischer Pflanzenforscher, Fähigkeiten und Verhaltensweisen von Pflanzen, die denen des Menschen nahe kommen (ohne dass er in Gefahr steht, sie zu „vermenschlichen“). Sein Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ kann ich sehr empfehlen. Wissenschaftlich fundiert und zugleich verständlich, ja spannend auch für den Laien geschrieben!

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  3. Dann interessiert dich sicherlich auch dieser Bericht:

    https://www.nzz.ch/wissenschaft/tierische-freundschaften-ld.1386982

    btw: Keine Lust mehr zu bloggen? Der letzte Beitrag ist ja schon 1 Jahr und zwei Tage her.

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  4. Vielen Dank für den Link! Es ist doch großartig, was sich mittlerweile in der Forschung an Tieren (und Pflanzen) tut! Darin spiegelt sich auch ein Paradigmenwechsel wieder.

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    • Ich finde es schwierig, menschliche Kategorien auf Tiere und Pflanzen zu übertragen. Das führt schnell zu einer Verklärung und vor allem verstellt das der Wissenschaft den Blick, weil die dann voreingenommen sind und nicht eigene Kategorien entwickeln.

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